CityWave Mailand – Das hängende Solardach als Meisterleistung
Mit dem Projekt CityWave im Mailänder Stadtteil CityLife entsteht derzeit eine außergewöhnliche Verbindung von Architektur, Ingenieurkunst und nachhaltiger Dachtechnologie. Entworfen wurde das ikonische Ensemble von der renommierten Bjarke Ingels Group (BIG), während die komplexe Tragwerks- und Bauausführung durch das Südtiroler Ingenieurbüro HB verantwortet wird. Im Mittelpunkt steht eine spektakuläre Dachstruktur: das sogenannte „Canopy“ – eine 135 Meter weit gespannte, doppelt gekrümmte, hängende Konstruktion, die die beiden Hauptgebäude RD und RE miteinander verbindet. Es ist nicht nur ein prägendes architektonisches Element, sondern übernimmt auch tragende und energetische Funktionen, die für den Fachbereich Dachtechnik wegweisend sind.

Das Canopy bildet den baulichen und gestalterischen Höhepunkt des gesamten Projekts. Es überspannt den öffentlichen Raum zwischen den beiden Gebäuden in Form einer schwebenden Welle – eine architektonische Geste, die sich nahtlos in die Philosophie von Bjarke Ingels einfügt, Stadtraum, Funktion und Gestaltung in einem hybriden Element zu vereinen. Ingels selbst beschreibt das Konzept wie folgt: „The large catenary canopy of CityWave unites the last two buildings of CityLife with a single sagging gesture. The solar tiles power the workplaces within while the wooden underside covers a new public space underneath. … The resultant silhouette unites indoor and outdoor space in a form of weightless monumentality.“ Damit ist das Dach nicht nur Witterungsschutz oder technische Hülle, sondern ein multifunktionales Bauelement, das Stadt, Energie und Architektur miteinander verbindet.

Für die statische und konstruktive Umsetzung dieser Dachstruktur entwickelte HB Ingenieure eine innovative Lösung: Ein System aus vorgespannten Litzenkabeln, die an den Dächern der beiden Gebäude verankert sind, bildet das Rückgrat der Tragkonstruktion. Darauf ruht ein Traggerüst aus fünf Lagen Brettsperrholz (CLT), das eine Fläche von etwa 4.500 Quadratmetern abdeckt. Diese CLT-Schichten mit einer Gesamtstärke von etwa 40 Zentimetern übernehmen sowohl die globale Aussteifung als auch die Lastverteilung. Die Holzplatten wurden in einem aufwendigen Verfahren hergestellt und getestet, unter anderem an der Universität Trient, um die Eignung für dieses anspruchsvolle Tragverhalten zu bestätigen. Aufgrund der außergewöhnlichen Krümmung – mit Dachneigungen zwischen 25 und 55 Grad – war eine präzise geplante Schalung, eine speziell entwickelte Betonmischung und eine exakt abgestimmte Betonierfolge erforderlich, um die Geometrie umzusetzen.

Neben der strukturellen Meisterleistung erfüllt das Canopy eine zentrale Rolle in der Energieversorgung von CityWave. Die gesamte Dachfläche ist mit maßgefertigten Glas-Solarzellen belegt. Mit einer Fläche von rund 11.000 Quadratmetern, einer installierten Leistung von circa 2 Megawatt und einer prognostizierten Jahresproduktion von rund 1.200 Megawattstunden handelt es sich um eine der größten urbanen Photovoltaikanlagen Italiens. Das System deckt rund 45 Prozent des gesamten Energiebedarfs des Gebäudekomplexes. Zusammen mit einem thermischen Grundwassersystem zur Heizung und Kühlung sowie einer konsequenten Regenwassernutzung trägt die Anlage wesentlich zur CO₂-Reduktion bei – etwa 500 Tonnen jährlich.
Besonders hervorzuheben ist die Integration der Photovoltaik in die architektonische Form des Dachs. Die Solarzellen folgen der gekrümmten Form ohne gestalterische Brüche und verschmelzen so mit der Dachhaut. Die verwendeten Solarziegel dienen gleichzeitig als Energiequelle und architektonisches Gestaltungselement – ein Paradebeispiel für technische Ästhetik im Dachbau. Die Kabeltechnologie entspricht jener moderner Schrägseilbrücken, wurde jedoch speziell für die Anforderungen dieses Projekts angepasst. Anordnung und Geometrie der Kabel wurden mittels FEM-Analysen auf strukturelle und visuelle Optimierung hin entwickelt. Die notwendige Vorspannung der Dachbereiche zur Aufnahme der Zugspannungen erfolgte mit hochleistungsfähigen Vorspannsystemen, deren Einbau millimetergenau geplant wurde.

Die Herausforderung, diese schwebende Dachstruktur auch unter extremen Windbedingungen sicher zu betreiben, wurde durch umfangreiche Windkanaltests gelöst. Vier Versuchskampagnen – darunter zwei am Politecnico di Milano – bestätigten die strukturelle Belastbarkeit auch bei Extremereignissen. Zusätzlich entwickelte HB speziell für das Projekt viskose Dämpfer, die in vertikalen Stahlrohren entlang des Canopys installiert sind. Diese erfüllen eine doppelte Funktion: Sie dämpfen Schwingungen effektiv und leiten gleichzeitig Regenwasser gezielt ab – ein technisches Detail, das gestalterisch dezent und funktional hochwirksam ist.

Claudio Bertagnolli, Projektpartner bei HB, betont: „Die größte Herausforderung bestand darin, einer schwebenden Struktur dieser Dimensionen Stabilität und Sicherheit zu verleihen. Wir haben sie durch hochentwickelte Berechnungssysteme, innovative Bautechniken und leistungsstarke Materialien gemeistert.“ Auch Oswald Holzner, ebenfalls federführend bei HB, hebt hervor: „Mit dem Canopy haben wir die traditionellen Grenzen des Ingenieurwesens überschritten und gezeigt, dass Forschung, Technologie und Vision einzigartige Lösungen hervorbringen können.“
CityWave wird Ende 2026 fertiggestellt sein – pünktlich zu den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina. Bereits jetzt dokumentieren Baustellenaufnahmen die Transformation von Theorie in gebaute Realität. Für Fachleute aus dem Dach- und Fassadenbau ist das Projekt ein herausragendes Beispiel dafür, wie Architektur, Tragwerksplanung und Gebäudetechnik in einer dachintegrierten Lösung zusammenwirken können. Das Canopy von CityWave steht exemplarisch für ein neues Verständnis von Dach – als Energiequelle, als urbanes Gestaltungselement und als tragende Vision für die Stadt von morgen.

